falke und welle

Sonnenbrand in den Kniekehlen

200 Kilometer auf dem Camino de Santiago

ansgar und rebecca

Am 14.09.2004, im heiligen Jahr, begann unsere Pilgerschaft zum Grab des heiligen Jakobus. Nein, eigentlich begann sie bereits früher, zu Hause, bei der Vorbereitung. Bei Gesprächen mit Ralf, unserem erfahrenen Pilger, zur Planung. Sie begann in den Sportläden, in denen wir unsere notwendigen Hilfsmittel für zwei Wochen in Nordspanien, vor allem Galicien, kauften. Die erste Etappe war die von Leipzig nach Wiesbaden, wobei sie für Rebecca erst in Fulda begann.

peregrino crossing

Ich verfluche die Bahn so oft ich nur kann und bin froh, wenn ich sie nicht benutzen muss, wie auch dieses Mal, als ich im Leipziger Hauptbahnhof in den ICE nach Frankfurt stieg. Doch schon bald sollte ich erfahren, wie komfortabel Zug fahren im Gegensatz zu anderen Verkehrsmitteln sein kann. Eigentlich hatte ich mir nach der Busfahrt nach Riga geschworen, nie wieder den Eurolines-Bus zu benutzen. Doch schon wenige Tage später, nach einem kurzen Aufenthalt in Wiesbaden, begann die Reise. Voller Anspannung, Unsicherheit und Vorfreude begaben wir uns per S-Bahn nach Frankfurt, um dort in einen Eurolines-Bus nach Spanien umzusteigen. Man kann wohl sagen, dass wir, nachdem wir 24 Stunden später in Ponferrada den Bus wieder verlassen konnten, die härteste Etappe auf dem Weg zum Grab des Apostels bereits zurückgelegt hatten.

langsam wirds voll auf dem camino

Der Weg, d.h. das Laufen an sich, fiel mir selbst nicht sonderlich schwer, wenn auch meine ansonsten sehr tapfere und zuverlässige Weggefährtin von Blasen und ihrem Rucksack gepeinigt wurde. Früh morgens starteten wir jeden Tag aufs Neue, die Sonne im rücken und das nächste Etappenziel vor Augen, gen Westen. Unsere Tagesetappen teilten wir in mehr oder weniger bequeme Strecken zwischen 15 und 30 Kilometern ein, wobei wir meist etwa 20 km pro Tag zurücklegten. Nicht nur, dass wir uns nicht mehr zumuten wollten, auch das heilige Jahr und die Frömmigkeit der Spanier machten uns größere Pläne unmöglich. Der Camino war, wenngleich der Zeitpunkt unserer Wanderschaft sehr spät im Jahr gewählt war, spätestens auf den letzten 100 km (die die magische Grenze zur Erlangung des persönlichen Seelenheils darstellen) so voll wie die A66 zwischen Wiesbaden und Frankfurt im Berufsverkehr. Um noch zwei Plätze in den Pilgerherbergen zu ergattern, war es stets notwendig, nicht später als 13:00 oder 14:00 Uhr anzukommen. Doch wir hatten durchweg Glück und mussten nie unsere zuvor neu erworbenen, luxuriösen Therm-a-Rest-Matten in Anspruch nehmen. Auch mussten wir nur ein einziges Mal auf Grund akuter Überfüllung in einer privaten Herberge nächtigen.

Das Leben auf dem Jakobsweg ist - zusammenfassend gesagt - geprägt von Fußleiden, dem „Herbergsrennen“, dem Pilgermenü (für etwa 7 Euro) und den vielen interessanten Bekanntschaften, die man bei der Wanderschaft macht. So hatten wir lange und interessante Unterredungen mit Helen aus Australien, kochten gemeinsam mit Alexander, einem in den Niederlanden studierenden Norddeutschen, liefen mit Martin, einem Ex-Gruppenleiter der Mosaik-Pfadfinderschaft, wir aßen mit Luis, einem schrägen Spanier aus Leon und ließen uns von Antje beeindrucken, die den Camino vollständig und am Stück von meiner Wahlheimat Leipzig aus bis nach Santiago gelaufen ist. Dies waren nur einige der vielen interessanten Bekanntschaften, die wir auf dem Camino gemacht haben, um sie sogleich wieder aus den Augen zu verlieren. Wenn es auf der Welt einen Ort der Internationalität und der Völkerverständigung gibt, so haben wir ihn auf dem Weg nach Santiago entdeckt.

ansgar der eroberer

Santiago selbst spiegelt die Faszination des Jakobswegs, konzentriert an einem Punkt und abzüglich der Beschwerlichkeiten des Wanderns wieder. Man trifft viele der auf dem Weg gemachten Bekanntschaften wieder, feiert mit Gläubigen aus der ganzen Welt in der Kathedrale die Messe, lässt sich vom Botafumeiro, dem galicischen Weihrauchkessel und den vielen gaita-Spielern beeindrucken. Kurz – man findet auch dann einen würdigen, schönen und entspannenden, aber auch aufregenden und faszinierenden Abschluss seiner Pilgerschaft, wenn man den Weg nicht mehr bis nach Finisterre zu Ende gehen kann.

Was nimmt man (außer der offiziellen Bescheinigung der Pilgerschaft des Domkapitels, der "Compostela") wieder mit zurück, auf die 32stündige Busfahrt nach Frankfurt? Vor allem die Erkenntnis, doch die Hälfte des Gepäcks zu viel mit sich herumgetragen zu haben. Auch die Erkenntnis, dass wie immer alles anders kommt, als man es sich vorstellt. Aber auch die Ernüchterung über die Massenveranstaltung „Camino“, die viel weniger kontemplativ und erkenntnisreich ist, als man es sich gedacht und erhofft hat.

Zuguterletzt bleibt aber die freudige Stimmung aus Santiago und der feste Vorsatz, den Camino nicht zum letzten Mal gegangen zu sein.

ansgar.

anmerkung: du findest vier bildergalerien von unserer wanderschaft im bereich galerie. deine meinung zu diesem bericht kannst du im gästebuch äußern.

für die kritiker: ja, ich weiß, eigentlich war unsere "pilgerschaft" auf dem camino keine aktion "der jungenschaft". dazu möchte ich allerdings sagen, dass es "die jungenschaft" in dieser art ohnehin nicht mehr gibt (siehe den bericht hier von gulf. doch war die wanderschaft im weiteren sinne durchaus von meinen jungenschaftlichen erfahrungen inspiriert und geprägt. jungenschaft ist keine kategorie, nach der eine fahrt gestaltet wird. jungenschaft ist eine innere einstellung.